Walser Stories
Gschichta usm Kleina Walsertaal
Die schönste Sackgasse der Welt
Es gibt Täler, durch die man hindurchfährt, und es gibt Täler, die man aufsucht. Das Kleinwalsertal gehört zur zweiten Art. Die Anreise führt durch Deutschland, einen anderen Weg gibt es nicht: Hinter Oberstdorf gewinnt die Straße an Höhe, quert die Grenze nach Österreich und folgt der Breitach talaufwärts, durch Riezlern, Hirschegg und Mittelberg, bis sie ganz hinten in Baad endet. Dort hört sie einfach auf, und ringsum stehen nur noch Berge: 36 Gipfel umschließen das rund 15 Kilometer lange Hochtal im Nordosten Vorarlbergs, allen voran der Große Widderstein mit 2.533 Metern. Die Dörfer liegen auf 1.100 bis 1.250 Metern Höhe; ins übrige Österreich gelangt nur, wer zu Fuß über die Pässe geht. Und obwohl jeder Besucher durch das Allgäu anreist, gehört das Tal nicht dazu. Für diese Lage hat sich ein Name eingebürgert, in dem Zuneigung und Ironie zusammenkommen: „die schönste Sackgasse der Welt“.
Seit über 750 Jahren: die Walser
In diese Abgeschiedenheit kamen um 1270 die ersten Siedler: Walser Familien aus dem Oberwallis, die über eben jene Pässe einwanderten und das Hochtal urbar machten. Heute leben rund 5.000 Menschen in den drei Dörfern Riezlern, Hirschegg und Mittelberg mit dem Ortsteil Baad, und das Erbe der Walser ist geblieben. Am deutlichsten zeigt es sich in der Sprache: Das Walserdeutsch unterscheidet sich bis heute hörbar von den Dialekten des übrigen Vorarlberg – eine Ahnung davon gibt der Untertitel dieses Projekts, Gschichta usm Kleina Walsertaal. Auch Trachten und Bräuche haben hier nichts Museales; sie gehören zum Jahreslauf. Und selbst die Geschichte des Tals ist eine Geschichte seiner Lage: 1891 wurde das Kleinwalsertal per Zollvertrag wirtschaftlich an Deutschland angeschlossen – eine Sonderstellung, die den Alltag über ein Jahrhundert prägte. Österreichisch im Herzen, deutsch in der Anfahrt: Aus diesem Dazwischen ist eine ganz eigene Identität gewachsen.
Mein Blick auf das Tal
Walser Stories ist mein fotografisches Langzeitprojekt über dieses Tal, vor allem aber über seine Menschen. Seit 2020 begleite ich Walserinnen und Walser durch ihren Alltag zwischen Tradition und Gegenwart: die Trachtenschneiderin und den Bergführer, den Musiker und die Hüttenwirtin. Mal ist es ein Porträt zwischen Alpschweinen und Kräutergarten, mal Mittelberg im Nebel, mal der weite Blick über das ganze Tal. Die Berge sind dabei die Bühne, die Hauptrolle aber spielen die Menschen, die auf ihr leben.
Ausstellung und Ausblick
Die Idee zu Walser Stories ist über viele Jahre gereift, ehe die Hessische Kulturstiftung die Umsetzung möglich machte – 2020 mit einem Arbeitsstipendium, 2021 mit einem Brückenstipendium. Im September 2024 waren dann erste Arbeiten im Rahmen der Bad Homburger KunstWerkStadt im Schärferaum zu sehen. Das Projekt läuft weiter: neue Begegnungen, neue Porträts, neue Geschichten. Denn in einem Tal, in dem jede Straße endet, gehen die Geschichten immer weiter.